Pyramiden gesucht, Revolution gefunden

«Geist der Freiheit ist aus der Flasche»
Jürg Stüssi-Lauterburg: «“Wenn das Volk eines Tages das Leben will, dann wird die Macht antworten müssen.” Die erste Zeile eines Gedichts des Tunesiers Abu l-Qasim ash-Shabi diente am vergangenen Samstag, 5. Februar, der sudanesischen Zeitung al-Watan als Einleitung zu ihrer Berichterstattung über Ägypten. Kurz: Der Geist der Freiheit ist aus der Flasche und alle Diktatoren des Orients werden ihn nicht wieder hineinbringen. Es wird zu Rückschlägen kommen, aber wer Kairo in diesen Tagen gesehen hat, weiss, dass der Osten nie mehr so sein wird, wie bis anhin.»
Jürg Stüssi attestiert den Freiheitsbewegungen im arabischen Raum grosses Potenzial: Vielleicht werde man sie später im Rückblick mit der Revolution von 1848 in Europa vergleichen können. Jedenfalls sei jetzt «die Zeit der Despotendämmerung».
Herr Stüssi, gelenkte «Demokratien» halten sich gelenkte Medien: Zeigt sich in Ihrer al Ahram schon eine Abkehr vom servilen Hofjournalismus oder ist der vorauseilende Gehorsam noch zu sehr in den Köpfen?
Jürg Stüssi: Es ist auch da einiges fundamental im Wandel. Hier zum Beispiel (zeigt auf die Schlagzeile): Es heisst nicht mehr Präsident Mubarak, sondern schlicht «der» Mubarak. Und im Bild darunter wird er ganz am Rand gezeigt, im Zentrum stehen Vizepräsident Omar Sulaiman und Stabschef Sami ‘Anan. Der ägyptische Journalismus hat übrigens eine lange Tradition – wer sorgfältig zwischen den Zeilen liest, ist immer zu seinen Informationen gekommen. Man darf nicht vergessen: Jeder Redaktor ist auch ein Familienvater, der an den nächsten Tag denken muss.
Erzählen Sie doch mal von Ihrem Ägypten-Trip.
«Batil, batil, batil! Nichtig, nichtig, nichtig!»: Das skandierten am Freitag, 28. Januar, etwa 1’400 Demonstranten auf der Corniche am Nil von Luxor. Ihre Kritik am Regime brachte ihnen Tränengas ein, das auch meine Frau Barbara und mich im Café vor dem Luxortempel erreicht. Am späteren Abend passierten wir das frisch vandalisierte Gebäude der Provinzverwaltung, die Scheiben fehlten, das Mobiliar lag auf der Strasse.
Dann gings weiter nach Kairo...
...wo der über der Innenstadt aufsteigende Rauch des brennenden Gebäudes der Regierungspartei von weither zu sehen war; abgefackelte Polizeiposten und ausgebrannte Polizeifahrzeuge säumten den Weg. Hunderte Demonstranten belagerten das Informationsministerium. Am Sonntag, 30. Januar, bot sich ein Bild, welches sich in der ganzen Stadt wiederholen sollte: Kein Polizist weit und breit, hingegen zahlreiche mit Messern, Stöcken und Ketten bewehrte Männer der Volkskomitees, freundlich, zuvorkommend, den Verkehr regelnd und die öffentliche Sicherheit garantierend. Am Abend drehte eine Doppelpatrouille Düsenflugzeuge etwa vier Runden über dem Tahrir-Platz, ein Helikopter kreiste pausenlos.
Gab es keine kritischen Situationen?
Nein, die Ägypter haben sich ihre weitherzige Gastfreundschaft und ihren bewunderswerten gesellschaftlichen Zusammenhalt auch in den Wirren der Revolution bewahrt! Die Gesellschaft ist generell intakt und auf die Wahrung der Ordnung und des Eigentums bedacht, die Armee diszipliniert.
Wer der Sprache eines Volkes mächtig ist, kann in dessen Seele blicken. Wie tickt sie also, die ägyptische Volksseele?
Sie tickt nicht, sie kocht. Auf unseren ausgedehnten Stadtwanderungen, Metro- und Taxifahrten sowie auf einer Felluka-Fahrt auf dem Nil führten wir gegen 40 kürzere und längere Gespräche, welche ausnahmslos alle die Botschaft der verbrannten Polizeiposten und Polizeifahrzeuge und der vielfach angebrachten Parolen unterstrichen: «Geh, Mubarak!» In mehreren Fällen wurde er als «‘amil», als Agent bezeichnet oder gar beschimpft. Als Hauptgrund für die Aversion gegen Mubarak wird die als schamlos betrachtete Bereicherung seiner wirtschaftlichen und politischen Umgebung genannt.
Gibts auch Leute, die gegen die Demonstrationen sind?
Etwa ein Drittel der Gesprächspartner war gegen die Demonstrationen, denen sie die Schuld für wirtschaftliche Schäden und für den von ihnen wahrgenommenen Zusammenbruch der Sicherheit gaben, zwei Drittel dafür. Diese Mehrheit erachtete das Regime als für den Zusammenbruch der Ordnung verantwortlich, es habe die Polizei abgezogen und die Gefangenen laufen lassen. Ein ganz grosses Problem der Zukunft ist denn auch: Wie lässt sich die Polizei, deren Ruf drastisch beschädigt ist, wieder in die Gesellschaft integrieren?
Einige sagen: Dem arabischen Raum fehlt in seiner kulturellen Entwicklung die Aufklärung – und ohne kanns im Grunde gar keine Demokratie geben. Was sagen Sie dazu?
Wir vergessen, dass im Islam ganz viel passiert ist. Es gab diverse Reformbewegungen, etwa den arabischen Nationalismus, und auch heute steht der Islam, bei dem Fundamentalisten in der klaren Minderheit sind, nicht still. Internet, Twitter und der ganze Social Media-Aspekt tragen viel zum Wandel bei. Freitheitsgedanken tragen nicht mehr das Etikett des Westens, sind nicht mehr quasi «kontaminiert», sondern kommen jetzt aus dem Volk selber, sind etwas Eigenes geworden. Deshalb können sie nun Wurzeln schlagen. Ich bin überzeugt, dass das ägyptische Volk seinen Weg finden wird.
Aber die Revolution ist noch nicht durch.
Mubarak hat einen Vizepräsidenten ernannt und tritt nicht mehr zu den nächsten Wahlen an – allein dies ist revolutionär. Es mag noch das eine oder andere Rück-zugsgefecht geben, die Rückkehr zum Despotismus jedoch halte ich für kaum vorstellbar. Vielleicht wird man im Rückblick diesen Flächenbrand der Freiheit im arabischen Raum dereinst mit der Revolution von 1848 bei uns in Europa vergleichen können. Das Ganze ist ein Fanal: Es ist die Zeit der Despotendämmerung.























































