Mit Tellersammlung und Spontangedicht

Regionalillu

Ich war gar nicht im Vorstand, kam also in der Diretissima zu dieser mit viel Arbeit verbundenen Ehre. Schnell merkte ich, dass nicht die beste Stimmung im Gremium herrschte, doch das gab sich schnell», erzählt die demnächst ihren Achtzigsten feiernde Ruth Gross.
1954 war sie mit Arthur Gross und zwei Buben (15 und ein Monat alt) nach Brugg gekommen. Arthur Gross arbeitete erst beim Baugeschäft Märki-Häusermann, später wurde er selbständig und war längere Zeit im Brugger Stadtrat.

Brugger Eigenheiten
«Ich ging völlig unbeleckt an die Sache ran, eckte wohl erst auch etwas an, weil ich als forsche Zollikerin gewisse Brugger Mödeli gar nicht erst anfing», lacht Ruth Gross. So habe es früher eine Art Rangordnung gegeben: Je näher beim Vorstand, desto «mehrbesser». «Das machte ich nicht mit», so die langjährige Präsidentin.
«Wir hatten genug anderes zu tun. Es gab ja noch kein Frauenstimmrecht», berichtet sie aus gar nicht so fernen Zeiten, «und die Stadtparteien hatten auch noch keine Frauengruppen. So war es der Gemeinnützige, in dessen Schoss Frauen politisierten, auch Vorschläge für Kommissionswahlen machten». Zudem sei es damals noch Mode gewesen, langjährige Hausangestellte, auch private, zu ehren. «Auch zogen wir die Betagtenhilfe auf, nicht medizinisch motiviert wie heute die Spitex, aber sehr praktisch: putzen und posten».
An der Organisation des Altstadtfestes 1968 habe man auch mitgewirkt, der Reinerlös sei fürs Bezirksspital verwendet worden. «Es waren doch fast 240’000 Franken, eine Menge Geld damals», betont Ruth Gross. «Gut erinnere ich mich an die Wollplätzli-Aktion fürs Altersheim im 1967. Wir nähten Wollplätzli für Wollplätzli zu farbenfrohen Decken zusammen – war das ein Krampf! Aber es gibt solche Decken noch heute, und sie sind wirklich gut herausgekommen», plaudert sie buchstäblich aus dem Nähkästchen.

Erinnerungen an die GV 1969
Der Schreibende lernte Ruth Gross an der GV des Vereins im Säli des Hotel Bahnhof kennen. Von Mentor Hans-Peter Widmer war der «Jungredaktor» zum Gemeinnützigen-Anlass geschickt worden. Mit gemischten Gefühlen sass er mit gespitztem Bleistift unter Damen. Bass erstaunt war er über die präzise, zügige Verhandlungsführung der damaligen Präsidentin Ruth Gross. Da hatte er bei anderen Vereinen schon anderes erlebt!
Er lernte am gleichen Anlass auch ein Brugger Original kennen: Anni Vogt, die «Klauenschneiderin» von der Museumsstrasse, deren Mann Max in der Stadtgärtnerei arbeitete. Anni Vogt besuchte viele Versammlungen und trug dann jeweils unter Verschiedenem ein aktuelles, während der Abwicklung der statuarischen Traktanden geschnitztes Gedicht vor. Sie war, erinnert sich auch Ruth Gross, manchmal der Schrecken solcher Versammlungen, denn der Strophen waren meist sehr viele... Aber trotzdem war Anni Vogt ein echtes Original im mit solchen Persönlichkeiten nicht gerade gesegneten Weichbild von Brugg.
Damals war es auch noch üblich, während der Versammlung eine Tellersammlung für einen wohltätigen Zweck durchzuführen. Auch der Schreibende gab ein Fränkli.

Weihnachtspäckli
Ruth Gross kommen auch noch die anstrengenden Weihnachtspäckli-Aktionen in den Sinn. Da wurde schon im Sommer mit den Vorbereitungen begonnen. «Damals wurde natürlich alle Arbeit ehrenamtlich geleistet – und es gab tatsächlich meist sehr viel zu tun», schliesst sie ihre Schilderungen einer bewegten Zeit.
Die Jubiläumsversammlung wird für die heutige Präsidentin Jolanda Neuhaus ein Anlass der Freude sein. Im Jahresbericht schreibt sie, dass es unzählige Sitzungen, Telefongespräche und Botengänge gebraucht hat, bis der Anlass «stand». Und es darf auch darauf hingewiesen werden, dass gerade nach der Jubiläums-GV in der NAB Brugg die Wanderausstellung des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins zu sehen ist. Ein Besuch wird empfohlen.

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